du kennst
mich nicht, aber wir haben einige Gemeinsamkeiten. Auch ich habe
als Prostituierte gearbeitet, auch ich war damals eine 19jährige
Studentin und bin so alt wie du. Auch ich schreibe
unter Pseudonym.
Über deine Erfahrungen mit käuflichem Sex hast du kürzlich
in Frankreich ein Buch veröffentlicht. „Mein
teures Studium“. Du habest die geile Studentin aus purer
Geldnot übers Internet anbieten müssen und du habest
die Begegnungen mit den Männern gehasst.
Dieses Buch schlug in Frankreich ein wie eine Bombe. Soeben ist
es auch bei uns in Deutschland erschienen und mit ihm die Wellen
der schäumenden Debatte. Es sei ein Unding, dass die finanzielle
Belastung Studentinnen in die Prostitution treibe. In der Tat:
Sich prostituieren zu müssen, ist immer ein Unding, egal
wo, egal wie.
Dass du unter deiner Prostitution gelitten hast, spiele ich nicht
herunter. Ich finde gut, dass du mittlerweile nicht mehr als Hure
arbeitest. Was sollst du dich auch mit Dingen quälen, die
dir nicht liegen.
Nur – mein Fall liegt ganz anders. Ich habe die Prostitution
geliebt. Ich war glücklich mit meiner Freiheit und sog die
vielfältigen Eindrücke und Begegnungen in dieser Arbeit
gierig auf.
Es ist dein
Glück, dass du über ein besonderes Thema schreibst.
Denn Hurenliteratur ist immer pikant, immer gefragt.
Es ist aber auch dein Pech. Weil man über Prostitution nicht
so arglos subjektiv schreiben sollte wie über einen Job als
Kellnerin. Du hättest im Auge behalten müssen, wer dein
Buch lesen wird und wie er es lesen wird. Die Welt nämlich
hat offiziell keine Ahnung von Prostitution, und das Offizielle
ist ihr in diesem speziellen Falle so wichtig, dass sie selbst
darauf hereinfällt. Das heißt, sie glaubt dir jedes
Wort. Sie geht davon aus, dass du ihr die objektive Wahrheit über
die Prostitution lieferst. Was du schreibst, kann aber nur deine
subjektive Wahrheit sein. Darauf hättest du deutlich hinweisen
müssen.
Darauf hast du nicht deutlich hingewiesen. Stattdessen schreibst
du schon im Vortwort: „Man tut es [Prostitution] nur aus
der Not heraus und redet sich ein, es sei nur vorübergehend“.
Damit begehst du einen Kunstfehler: Du schließt von deiner
Prostitution auf die Prostitution allgemein. Dabei widersprechen
z.B. meine Erfahrungen in der Prostitution den deinen vollkommen,
und würden wir Subjektivität und Objektivität miteinander
verwechseln, könnten wir uns über unseren gegensätzlichen
Haltungen ordentlich zerstreiten. In Wahrheit gibt es so viele
verschiedene Prostitutionen, wie es Prostituierte gibt.
Das ist ja eigentlich vollkommen einsichtig und man muss überhaupt
nichts dafür wissen, weil man es sich denken kann. Man sollte
meinen, ein Mensch, der öffentlich debattiert, der kann auch
von allein auf den Gedanken kommen, dass nicht alle Prostituierten
in ihrem Job unglücklich sind. Dass, solange es jeder Frau
freisteht, als Hure zu arbeiten, auch prinzipiell jede Studentin
sich dazu entscheiden darf. Und dass bei 400.000 Huren in Deutschland
sich bereits die eine oder andere Studentin darunter befinden
wird.
Und dennoch wirst du zur Zeit gehandelt, als seist du die einzige
Autorität zum Thema.
Woher kommt dieser offensichtliche und naive Irrtum?
Woher die angeblich so maßlose Überraschung ob deiner
Enthüllungen? Möchten deine Leser behaupten, es käme
ihnen erst jetzt ins Bewusstsein, dass finanzielle Not zu Prostitution
wie zu so vielem anderen auch führen kann? Oder soll erschütternder
sein, wenn eine Studentin im Puff arbeitet als eine alleinerziehende
Mutter? Nicht im Ernst. Zumal ein Studium nicht so lange dauert
wie ein Kind großzuziehen.
Stell dir einmal vor, ich käme auf den Gedanken, von meinem
Fall auf alle Fälle von studentischer Prostitution zu schließen.
Ich schriebe, dass alle Studentinnen im Puff begeistert davon
seien – nur weil ich es war. Dann sähe doch jeder Idiot,
dass ich offenbar unfähig bin, mögliche Unterschiede
zwischen mir und anderen Menschen einzuräumen. Umgekehrt
ist es genauso absurd! Wie kann die Welt ernsthaft meinen, du
könnest repräsentativ für „die Studentin
in der Prostitution“ sein? In den aktuellen Argumenten muss
man sich heillos verheddern, weil die ganze Ebene schief ist.
Wie also erklärt sich dein Ruhm? Nun, deswegen schreibe ich
dir, Laura, denn ich fürchte, ich weiß die Antwort:
Du kommst der Gesellschaft sehr gelegen. Deine brave, reumütige
Art, eine fleißige Studentin sein zu wollen und unter deinem
lasterhaften Leben zu leiden, ist natürlich hübsch.
Von der ersten bis zur letzten Seite versäumst du keine Gelegenheit,
darauf hinzuweisen, wie versessen du auf eine akademische Karriere
bist, wie fleißig dein Lernen und wie groß dein Bildungshunger
seien. Das alles ist wirklich schön für dich. Leider
stürzen sich dadurch solche Leute auf dich, die die Jugend
am liebsten in der Bibliothek sehen. Pflichtbeflissene Frauen
sind ja immer noch willkommen.
Das an sich
wäre noch nicht schlimm. Aber du bist aufgewachsen in einer
Welt, die die Prostituierte zum Gegenteil all dieser hohen, heiligen
Werte verdammt hat. Und das zitierst du ebenfalls. Jetzt wirst
du nicht mehr nur naiv, sondern dumm. Du fühlst dich „schmutzig“,
schreibst du, du seist jetzt „nur noch eine Nutte“
und deine Haut schwitze „Scham“ und „Schande“
aus. Du scheinst ein wenig unvorsichtig mit Sprache umzugehen,
Laura. Denn sicher haben es nicht alle Huren verdient, als „
schmutzige Nutte“ bezeichnet zu werden. Schade, dass du
verpasst hast, darauf hinzuweisen.
Vielleicht wolltest du das ja gar nicht sagen – Ihr schmutzigen
Nutten und wir sauberen Studentinnen und ich armes Opfer. Aber
so wirst du gelesen. Es fiele mir leicht, dich anzugreifen, wenn
du geplant hättest, was jetzt die Öffentlichkeit an
deinem Fall so schön empört. Aber du hast es nicht geplant.
Du hast einfach nur zu wenig nachgedacht.
Damit hast du viele Gelegenheiten verschossen, die Diskussion
um Prostitution zu bereichern. Du zitierst einfach das, was schon
da war.
Dein Buch beginnt so: „Er steht jetzt vor mir, die Hose
zu seinen Füßen. Ich stehe in Unterwäsche vor
ihm und sehe, wie er mich lange anstarrt. Ich weiß, in knapp
einer Minute wird er mich bitten, mich zu ihm zu setzen, und danach
wird mein Körper mir eine Stunde lang nicht gehören.“
Dein Körper gehöre dir nicht mehr? Das halte
ich eher für eine Wahrnehmungsstörung als für Prostitution.
Solche feinen Verleumdungen und Verdrehungen, die unsere Sprachgewohnheiten
der Prostitution tagtäglich antun, macht sich die Debatte
um dein Buch, wie gesagt, nicht klar. Du wirst eingespannt für
eine Weltsicht, die du vielleicht gar nicht unterstützen
wolltest. Du spielst ihr in die Hände, indem du formulierst,
wie man es schon immer getan hat. Nur: Sprache kann nicht nur
abbilden – sie kann auch verfälschen. Merkwürdig,
dass ich dir als einer Sprachstudentin das sagen muss.
Nehmen wir deinen Ausstieg. Du schreibst, du habest ihn nach einem
„traumatischen Erlebnis“ geschafft. Du meine Güte
– bei dieser Ankündigung hatte ich mir ernsthaft Sorgen
um dich gemacht. Das ist dergestalt formuliert, dass ich an eine
Gruppenvergewaltigung gedacht habe. Das wäre Trauma gewesen.
Mir scheint, du benutzt gewisse Begriffe etwas inflationär.
Denn dein „Trauma“ bestand darin, dass dir ein Freier
mit seiner Familie in deinem Lieblingscafe begegnete. Er hat sogar
mitgespielt, dass ihr euch dort just erst kennenlernt. Wer keine
Traumata hat, macht sich offenbar selbst welche, hm? Schön,
dich hat schockiert, dass dir das vor Augen geführt wird,
was dir vorzustellen du dich weigertest – dass die Freier
eine Familie haben könnten und ein Leben außerhalb
deiner Matrix des bösen, notgeilen, einsamen Losers. Tja...
Könnte es sein, dass auch dieses Bild des Freiers nichts
anderes ist als eine Projektion und ein Klischee, welches du von
deiner Erziehung übernommen hast?
Bei uns in Deutschland schätzt man, dass 90% aller Männer
mindestens einmal Erfahrungen mit Prostitutierten gemacht haben.
Dass sich zwischen zwei Quickies doch einmal eine dieser schattigen
Gestalten in ein öffentliches Cafe verirrt, damit hätte
man vielleicht rechnen müssen.
Auf der zweiten
Seite schreibst du, dein Ziel sei, „das Ausmaß der
Heuchelei aufzudecken, die die studentische Prostitution umgibt.“
Aber da du dir selbst eine Version zurechtheuchelst, hast
du dein Ziel verpasst und stattdessen die Heuchler gefüttert.
Die Heuchlerin in dir und den Heuchler der Öffentlichkeit.
Du deckst die Wahrheit nicht auf, sondern zu.
Gib Acht, wer dich liest... Du glaubst deinen Lesern zu sehr,
ihrer Aufrichtigkeit, ihrer Bewusstheit. Du glaubst ihnen, sie
seien betroffen von deinem Schicksal. Falsch. Sie sind davon begeistert.
Weil du ihnen einen Bericht aus einer Löwengrube lieferst,
wie furchtbar da drin in der Prostitution, bei den bösen,
kranken Freiern doch alles sei. (Dass meine Freier mir um keinen
Deut kränker vorkamen als die gesamte Gesellschaft, die jetzt
so aufgewühlt diskutiert, wie man dich zukünftig vor
solchen Abgründen schützen könne, wage ich hier
ja gar nicht weiter auszuführen.)
In Wahrheit geht es den aufgepeitschten Gemütern nicht um
die Rettung der Studentin, sondern um die sexuelle Zähmung
der Frau. Du dienst als Etüde für ein ganz altes, übles
Spiel: die Demütigung der Hure. Dafür bist du die perfekte
Vorlage, denn leider assistiert jeder zweite deiner Sätze
diesem Thema. Kaum kannst du noch in einer Metro sitzen, ohne
dass „mir Stimmen in meinem Kopf [sagen], dass ich nur eine
Nutte bin. [...] Ich bin nichts wert, ich bin schmutzig und habe
das Gefühl, dass ich es mein ganzes Leben lang bleiben werde.“
Es genügt schon, dass in irgendeinem Raum irgendwelche Vorhänge
herumhängen, damit du kommentierst: „Sie unterstreichen,
dass das, was ich tue, schlecht ist, schmutzig.“ Immerhin
sei es „beschlossene Sache, [später] ein guter Mensch
zu sein. Im derzeitigen Lebensabschnitt kann ich es mir nicht
leisten.“ Usw. usw.
Um dich vor den Sauberen öffentlich reinzuwaschen, ist dir
die pauschale Beschimpfung der Huren gerade schmutzig genug. Das
ist ärgerlich für alle Frauen, die auf den Sittenkodex
pfeifen und in ihrer Prostitution die Freiheit feiern. Ich könnte
also sagen, du verhieltest dich egoistisch und unmoralisch. Aber
nicht wahr – wie sollen wertlose Nutten denn Werte haben
können?
Ich habe nicht
alleine in der Prostitution gearbeitet wie du, sondern unter vielen
Kolleginnen. Das heißt, wenn hier eine von uns beiden etwas
Übersicht über die Situation von Huren hat, dann bin
ich das. Und wenn eine von uns beiden aus ihrer subjektiven Erfahrung
auch auf etwas Objektives schließen darf, dann bin ebenfalls
ich das. Weil ich mit vielen anderen Studentinnen im Puff gesprochen
habe. Und weil ich – pardon – vom Klischeedenken der
Gesellschaft, soweit es die Prostitution betrifft, unabhängiger
bin als du.
Meine Uni- und Puffkolleginnen studierten Archäologie, Jura,
Gender Studies, Kulturwissenschaften, Ethnologie, Bibliothekswissenschaften,
Wirtschaft, Soziologie, Philosophie, Linguistik oder Medizin.
Und ja, Sprachen studierten sie auch, Wie du, Laura. Aber das
Wichtigste: Sie begriffen sich nicht als Opfer ihrer Situation.
Sie hatten sich freiwillig für die Prostitution entschieden
und waren in der Lage, diese Selbstverantwortung für ihr
Leben auch zu erkennen. Häufig hatten sie ihren Freunden
und Familien davon erzählt. (Na gut, bei uns in Deutschland
sind Bordelle auch nicht strafbar.) Manche brauchten das Geld
gar nicht. Die Frauen, die ihr Studium damit finanzieren wollten,
genossen, dass sie dadurch mehr Zeit für die Uni hatten.
Und die Frauen, die sich unabhängig von der Uni und zum Teil
schon vor ihrem Studium für die Prostitution entschieden
hatten – ja, für die ist der aktuelle Zwangsfokus auf
die Studentin in der Prostitution sowieso ein Rätsel.
Es ehrt dich ja, dass du uns Studentinnen im Puff alle
retten willst, aber wir wollen gar nicht gerettet werden.
Ich fasse dein Buch mal zusammen: „Ich war jung und brauchte
das Geld.“ Tja, meine Antwort und die meiner Kolleginnen
wäre: „Ich war jung und lebte die Freiheit.“
...
Diese Antwort wollen deine Leser natürlich nicht wissen.
Sie wollen Futter für ihre Feindbilder. Und die lieferst
du reichlich. Weil du nicht nachgedacht hast darüber, inwiefern
du selbst deine Erfahrungen in der Prostitution mitbestimmt hast,
deinen Fokus auf deine Situation, deine Voreingenommenheit. Erlaube
mir die professionelle Einschätzung, dass deine Freier ganz
normale Männer gewesen sind - und dennoch tauchen sie in
deiner Wahrnehmung nur als Pädophile oder anderweitig Perverse
auf. Wie ist es denn sonst so mit deiner Meinung über Männer,
Laura? Denn - nicht wahr, überall im Leben begegnet man immer
auch einem Stück von sich selbst. Wie könnte es in der
Prostitution dann anders sein? Aber es ist ja soviel bequemer,
durch ein Unrecht zu fallen als durch die eigene Verantwortung...
Hast
du vielleicht von der Gesellschaft fraglos übernommen, dass
die Prostitution immer die Böse ist? Ich kann dir
sagen: Sie ist es nicht. Die Prostitution an sich ist nämlich
viel zu wenig, um „böse“ oder „gut“
sein zu können. Sie ist fast nichts, nur Sex gegen Geld.
Und du schreibst, du liebest Sex. Geld liebst du offenbar auch.
Alle Probleme, die daraus erwachsen, dass beim Sex Geld auf einem
Tisch nebenan liegt, sind also künstliche Probleme und keine
ursprünglichen. Noch was verpasst...
Könnte es sein, dass die Heerscharen schutzbedürftiger
Mädchen deshalb beschworen werden, um die eigene Täterschaft
besser abstreiten zu können? Dass man die Feindbilder
der gefährlichen Prostitution, der billigen Nutte und des
perversen Freiers primär kultiviert, um die eigentlichen
Skandale zu vertuschen?
Denn du hast ja Recht damit, dass du durch deine Erfahrungen in
der Prostitution an Skandale gerührt hast. Nur – die
suchst du an der falschen Stelle.
Ja, Laura, die eigentlichen Skandale... Z.B. schreibst du, deine
größte Angst sei, dass deine Eltern dich identifizieren
könnten. Du schreibst, du möchtest „meine Eltern
[...] schützen. Sie dürfen es nicht erfahren. Niemals.
Ich bin ihre liebe kleine, geradezu vorbildliche Tochter. Dickköpfig,
ja, aber keine Hure.“ Tatsächlich - vorbildlicher geht
es kaum, als die (Mit-)Täter schützen zu wollen. Das
ist wahre sittliche Disziplin. - Ich sehe also richtig,
dass deine Eltern dir einen Drogenentzug bezahlen würden,
aber dich verstoßen, wenn sie wissen, dass du dein Studium
mit Sex finanziert hast? Dass dies ein ganz normaler Wahnsinn
ist, der kaum jemandem in unserer Kultur noch auffällt -
ist das nicht ein Skandal, den anzuprangern sich viel mehr gelohnt
hätte als das Rumhacken auf einem langsamen „Pierre“
oder einem alten „Joe“?
Einen weiteren handfesten Skandal stellt es dar, dass
Frankreich Bordelle verboten hat und euch damit in den Untergrund
und in gefährlichere, ungeschützte Formen der Prostitution
drängt. Das provoziert den Zuhälter, der in deinem Weltbild
offenbar vom Himmel zu fallen pflegt. Das provoziert
Scham und Einsamkeit, den Alpdruck eines Doppellebens und all
die Ängste, unter denen du gelitten hast.
In Wahrheit verdienten die Verhältnisse und diese
Gesetzgebung jene Empörung, die du anderweitig investierst.
Die Gesellschaft macht die Prostitution zur Hölle!
Das ist der eigentliche Skandal und die wahre Neuigkeit und verdiente
jene Entrüstung, die die aktuelle Debatte so gern umlenkt
auf hohe Studiengebühren und kleine Mädchen.
Was will
ich dir sagen? Eine Frau muss die
Prostitution wollen dürfen und tun dürfen und lieben
dürfen.
Denn, Laura, solange uns Frauen unser Sex nicht gehört, gehört
uns gar nichts. Wer wüsste das besser als
die Gesellschaft, die uns das Bewusstsein unseres Markt-Wertes
madig machen möchte? Gib Acht, wer dich liest...
Viele Grüße
aus Berlin!
Paula