|
Die
Reaktion eines Lesers des Dossiers über die Prostitution
in
EMMA
von
Thomas M. Schneider
|
In Bezug
auf die empfehlenswerte Stellungnahme von Paula, die sich mit den
beiden grundsätzlichen Richtungen in der Prostitution auseinandersetzt,
auf die ich unten noch komme, stellt sich für mich die Frage,
weshalb EMMA bewusst eine einseitige Haltung einnimmt, ausgrenzt,
die positiven Seiten nicht sehen will. Weshalb hat Emma einen ausschließlich
patriarchalischen Ansatz mit dem Bestreben, jede Diskussion zu verhindern?
Weshalb begehen die Profis von EMMA bewusst handwerkliche Fehler?
Handeln sie aus Verzweiflung, weil sie nicht mehr den Ton angeben?
Nur vordergründig kämpft EMMA gegen die Prostitution, dahinter
steckt ein grundsätzlich anderes Weltbild, das sich über
die Prostitution hinaus auf alle sexuellen Bereiche bezieht und sogar
den Zusammenhang zwischen Sexualität und positiver Persönlichkeitsentwicklung
sowohl bei Frauen als auch bei Männern leugnet. Emma gelingt
es nur, den Zusammenhang zwischen Sexualität und negativer Persönlichkeitsentwicklung
bei Männern und durch Männer in voller Breite einseitig
darzustellen.
EMMA
fährt auf einer Schiene, die grundsätzlich falsch ist, weil
sie undifferenziert die Prostitution angreift und differenziert diejenigen
Prostituierten angreift, die nicht mir ihr konform gehen und weiterhin
undifferenziert die Frauen, auch die Nichtprostituierten, als Opfer
betrachtet und undifferenziert alle Männer als (zumindest potentielle)
Gewalttäter. Wer einmal bei einer Prostituierten gewesen ist,
bleibt ja aufgrund seiner Entwicklung ein Leben lang Gewalttäter
und Antidemokrat. Das kann nicht zu dem von EMMA gewünschten
Erfolg führen, sondern verhindert eine sinnvolle Diskussion und
damit eine Lösung derjenigen Probleme, die EMMA auch zu Recht
anschneidet.
Wie Paula
ausführt, arbeiten selbst nach Schätzung von EMMA in Deutschland
mindestens 20.000 Prostituierte (tatsächlich jedoch bei weitem
mehr), denen ihr Beruf Freude macht, die mit Sexualität und Selbstverwirklichung,
aber auch Emanzipation, erfolgreich experimentieren. Nicht zu vergessen,
dass in der Prostitution, wenn man besondere Formen außer Acht
lässt, Frauen arbeiten, die überwiegend nicht zur Prostitution
gezwungen werden. Das gefällt Emma nicht.
EMMA
gibt sich für den eiligen Leser vielseitig, wenn sie Pieke Biermann
zitiert, die die Prostitution als "Gipfel der Emanzipation und
Akt einer selbstbestimmten weiblichen Sexualität" empfindet.
Im Gegensatz zu den Beiträgen, die mit EMMA konform gehen, wird
hier nur kurz angerissen, aber nicht näher darauf eingegangen.
Ein kurzes Zitat, und EMMA gleitet sofort in die billige Agitation
ab. Das fällt dem interessierten Leser auf.
EMMA
will bewusst und undifferenziert den Kampf antreten. Prostitution
ist ein Verstoß gegen die Menschenwürde / Eine Frau, die
sich prostituiert, hatte schon vorher eine zerstörte Seele/ Eine
wahre Demokratie ist undenkbar ohne den Kampf gegen die Prostitution
/ Der Kunde kauft Macht / Prostitution ist sexuelle Gewalt. Dieses
sind keine Behauptungen, keine Fragestellungen, keine Denkanstöße.
Es sind Axiome, die eine andere Meinung per se ausschließen
und ausschließen sollen! Vor allem beschänkt es
sich nicht auf die Prostitution, obwohl EMMA ständig diesen Begriff
verwendet. Wenn sie gegen Prostitution in jeder Form ist, diskreditiert
sie auch alle Frauen, die nicht Prostituierte sind, aber insgeheim
davon träumen als Versuch der Emanzipation. Das sind sicherlich
nicht wenige. Aus unterschiedlichsten Gründen gehen sie den Schritt
nicht, sei es aus Altersgründen, aus Angst vor dem Experiment,
aus Angst, eine andere Welt zu betreten. Aus meinem kleinen übersichtlichen
und sicher nicht repräsentativen Bekanntenkreis an Frauen weiss
ich, das fast 90 % es sich gut vorstellen könnten, als Prostituierte
zu arbeiten, schlicht und einfach aus Spaß an der Erfahrung.
Ohne
Zweifel gibt es Erscheinungsformen, denen kompromisslos entgegenzutreten
ist. Aber es stellt sich die Frage, weshalb EMMA eine handwerklich
unsaubere Position aufbaut. EMMA ist ja keine anonyme Redaktion ,
sondern dahinter stehen Frauen, die ihre Erfahrungen mit Sexualität
gemacht haben. Dahinter stecken Namen, Geschichten und Schicksale.
Ich kann
mich altersbedingt noch an die erste und ersten Ausgaben von EMMA
erinnern. Es hat sich immer der böse Verdacht gehalten, dass
das schlechte Verhältnis von EMMA zur männlichen Sexualität,
die ja die Grundlage von EMMAs Agitation ist, darin begründet
ist, dass die Redakteurinnen bereits die weibliche erotische Ausstrahlung
für eine Opfergeste halten.
EMMA
leugnet den Zusammenhang zwischen Sex und persönlicher Entwicklung.
EMMA leugnet den Zusammenhang zwischen sexueller Freiheit, Prostitution
und Frauen, aber wie ist es denn mit dem Zusammenhang zwischen sexueller
Entwicklung und Männern? Warum bleiben die außen vor? Warum
wird der Vorteil sexueller Professionalität geleugnet? Wie viele
Frauen außerhalb der Professionalität können es einfach
nicht. Wenn Männern unterstellt wird, außer dem Üblichen
"rein" "raus" käme nichts, was können
denn die nichtprofessionellen Frauen anderes? Geilheit allein reicht
nicht.
Um es
zu wiederholen: Ich wünsche mir eine differenzierte Betrachtung,
die dem Anliegen von EMMA gerecht wird, deren Intention ohne Zweifel
teilweise gerechtfertigt ist, aber auch eine Betrachtung derjenigen,
die ihre sexuelle Freiheit EMMA nicht unterordnen! Das gilt für
Männer wie für Frauen, für Prostituierte und Nichtprostituierte.
Ich habe
nie gegen die Menschenwürde verstoßen hat, ich bin kein
Gewalttäter, ich brauche keine Macht beim Sex und kaufe keine
Macht, ich brauche Gleichberechtigung und erwarte bei Prostituierten
Gleichberechtigung. Sonst wäre ich nach meinem Selbstverständnis
bei ihnen fehl am Platz.
Was hat
ernsthaft Demokratie mit Prostitution zu tun? Ich bin Staatsrechtler.
Das ist blanker Unsinn, der sich auch bei ernsthafter, wohlwollender
Betrachtung nicht in einen sinnvollen Beitrag umwandeln lässt.
Bezeichnenderweise stellt EMMA diese Forderung an erster Stelle, was
die Qualifikation der Auseinandersetzung zeigt.
Es geht
doch offensichtlich um eine Auseinandersetzung zweier feministischer
Richtungen, den EMMA auf dem Rücken der Prostituierten und damit
der Frauen austägt: Die eine Richtung wird von EMMA getragen
in der oben beschrieben Richtung mit dem Schlagwörtern Sex und
Gewalt und die andere Richtung wird von HYDRA und vergleichbaren Organisationen
getragen in Richtung Sex und weibliche Freiheit im Interesse der Emanzipation
und damit der Frauen schlechthin. Frauen können für sich
selber sprechen, aber auch als Mann bin ich an der Emanzipation unmittelbar
beteiligt, denn ohne Männer gäbe es das Problem der Emanzipation
nicht. Ich nehme auch für mich den Zusammenhang zwischen sexueller
Entwicklung und Persönlichkeitsentwicklung in Anspruch, nicht
zuletzt konkretisiert sich in weiten Bereichen die weibliche Emanzipation
meiner Partnerinnen auch bei mir. Sie emanzipieren sich ja von mir
als Mann, die Emanzipation ist etwas kontradiktorisches zwischen Mann
und Frau und zwingend im Grundsatz nichts Gemeinsames, aber es bündelt
sich bei mir und ich muss mich entscheiden, wie ich damit umgehe,
wie ich mich entwickle mit meiner Partnerin.
Wie viele
Frauen, ich meine die Nichtprostituierten, empfinden Sex als Befreiung,
als Emanzipation, sogar als psychotherapeutischen Vorgang, fast als
medizinische Behandlung. Ich denke an den alten Begriff der Hysterie
mit all ihren körperlichen Krankheitsfolgen.
Ich als
Mann empfinde Sex als männlichen Part der Emanzipation, wobei
der männliche Anteil nicht unterschlagen werden darf und Prostitution
als Teil der Emanzipation (immer unter Beachtung der Erscheinungsformen,
die niemand haben will). Warum tut sich EMMA damit so schwer? Paula
weist zu Recht darauf hin, dass sehr viele Frauen - so habe ich es
verstanden - mit Freude in der Prostitution arbeiten. Und sorry -
ich nehme es wirklich so easy - wer aus Geldnot in der Prostitution
arbeitet, was Emma in ihrem Artikel anprangert - hat sich auch dafür
entschieden, die Beispielsfrau kann es lassen. Es ist eine freie Entscheidung,
wo sie ihr Geld verdient. Und diejenige, die in die Prostitution getrieben
wurde, weil sie verliebt war, tut mir leid, aber ohne Verstand ging
es noch nie. Darüber mag man diskutieren, aber als Beispiel für
Menschenunwürdigkeit und Gewalt eignen sich diese Beispiele nun
wirklich nicht.
Ellen
Templin ist die letzte, die die Fahne gegen Prostitution und Gewalt
hochhalten kann, so verstehe ich das Interview. Wenn es ihr nicht
gefällt, hätte sie doch was anderes machen sollen. Was hat
sie an die Prostitution gebunden? Warum sind ihre Mitarbeiterinnen
nicht zu Wort gekommen? Das wäre doch interessant gewesen. Ihr
persönliches Schicksal kann sie doch nicht verallgemeinern. Sie
hatte eine Frau kennen gelernt, die immer Geld hatte. Das hat sie
gereizt. OK. Na und, wo ist jetzt ihr Problem? Jedenfalls bin ich
nicht ihr Problem, sind die Frauen von Hydra nicht ihr Problem und
die Männer schlechthin auch nicht. Sie ist ihr eigenes Problem
und kommt damit nicht klar. Eine alte Frau, die Geld verdienen wollte
und jetzt merkt, dass ihr was fehlt im Leben, dass sie den Absprung
nicht geschafft hat. Traurig, aber nicht das Problem der patriarchalischen
Entwicklung der Frauen und Männer schlechthin.
Der zweite
Artikel "Die Reform schlägt zurück" ist auch nicht
viel besser. Wenn die Fußballer vom ersten FC Köln in das
Pascha fahren müssen, tun sie mir leid. Ich kenne einige
Bundesligaclubs und habe ehrlich gesagt, ähnlich primitive Erfahrungen
mit ihnen gemacht. Ich könnte mir Besseres vorstellen. Aber die
Auffassung, dass alle Prostituierte im Pascha Opfer
von Gewalt sind, ist doch schlichtweg lächerlich. Außerdem:
was hat das mit der Reform des Prostituiertengesetzes zu tun? - Gar
nichts. Sollen die Frauen doch einfach da nicht arbeiten.
Der Bereich der Zwangsprostitution ist zwar zu bekämpfen, aber
doch nicht jedes Bordell besteht aus Zwangsprostituierten. Es ist
doch nach wie vor eine kriminelle Ausnahme, wenngleich wie jede Kriminalität
kein Einzelfall, aber eben doch die Ausnahme.
Ich habe
einige Prostituierte in Berlin als Mandantinnen, ich weiß von
Ihnen, dass sie sehr wohl ihr Einkommen versteuern, ihre sonstigen
Abgaben zahlen und der Bordellbetreiber auch sein Interesse hat an
Zahlung von Abgaben und Steuern. Warum setzt sich EMMA damit nicht
auseinander? Ich habe auch eine Freundin, die selbst ein kleines Bordell
betreibt. Ist sie auch Gewalttäterin?
Wenn
in England und Norwegen Prostituierte mit der Veröffentlichung
der Namen prominenter Kunden drohen, verschweigt EMMA, dass die Verdienstmöglichkeiten
im Verhältnis zu Berlin gewaltig sind. Berlin ist das Low-Budget-Gebiet.
Es reichen zwei Wochen Arbeit in Skandinavien und z. B. der Schweiz
oder Luxemburg aus, um das Einkommen netto eines Ministers in Deutschland
zu haben. Es kann nicht sein, dass sozusagen antipatriarchalisch gedacht
und fortschrittlich verdient wird. Von so einem leichten Geldverdienst
träume ich, so möchte ich auch Gewalt erleben.
Die Verhurung
der Emanzipation hat doch Alice Schwarzer in ihrem EMMA - Festival
auf die Bühne gezogen, Seite 97. Sie will nicht verstehen, was
Emanzipation und Prostitution miteinander zu tun haben können
- nicht zwingend müssen.
Die Erfahrungen
des Hamburger Hauptkommissars Ubben nehme ich ernst. Er geht allerdings
von ausländischen Frauen aus, in dem Bereich ist die Zwangsprostitution
sicherlich enorm, das weiß ich auch aus meiner beruflichen Erfahrung.
Er hat vermutlich Recht. Nur der Rückschluss von EMMA auf die
Prostitution schlechthin - nicht nur in Deutschland, sondern weltweit
- geht fehl und wird sie disqualifizieren. Nicht ohne Grund beklagt
EMMA, das nur 0,01 Prozent der Prostituierten in Deutschland den Ton
angeben, Seite 96. EMMA gibt damit nicht den Ton an. Das beruhigt.
Eigentlich müsste man sich mit EMMA nicht beschäftigen.
Die Krönung
der Disqualifizierung von EMMA ist der fiktive Brief von Angela Merkel
an die französische Präsidentschaftskandidatin (Bestimmte
Erscheinungsformen immer vorbehalten- die niemand will). Aber: "das
Verhalten der Freier ist geprägt von Frauenverachtung, Dominanzwünschen
und Gewaltphantasien sowie reaktionären Vorstellungen von Sexualität"
ist nicht ohne Grund von der Bundeskanzlerin nicht beantwortet worden
und bleibt Wunschdenken von EMMA. Man muss sich als Mann wirklich
fragen, wie es EMMA gelingt, einen Teil der Wirklichkeit total auszublenden
und sich in einen fiktiven Brief zu flüchten, den es nicht gibt.
EMMA hat eben und zum Glück kein Feed Back. Ich halte Angela
Merkel für ziemlich fortschrittlich und ein solcher Brief wird
real nicht folgen. EMMA ignoriert das und fragt nicht einmal, weshalb.
EMMA bemüht hier die weltweite Prostitution, die in den armen
Ländern schlimm ist und was die armen Länder angeht, folge
ich ihr, ich kenne Kuba, Peru, Bolivien und fast alle Länder
Südamerikas. Aber sie bemüht diese Länder, um einen
Rückschluss auf die Emanzipation schlechthin zu ziehen. In den
armen Ländern findet keine sexuelle und gar keine weibliche Emanzipation
statt, unabhängig davon, ob die Frauen in reichsten Verhältnissen
leben oder in den ärmsten. Gerade dort täte sexuelle und
weibliche Emanzipation gut. Nur, sie zieht den Rückschluss auf
die Emanzipation in Deutschland, wenn sie auf Seite 108 schreibt,
man kann hier Frauen kaufen wie Pizzas. Fatal für den richtigen
Weg.
Was die
historischen Frauenrechtlerinnen angeht, vermute ich, dass diese Recht
hatten. Ich weiß aber andererseits aus eigener reicher Familie,
dass es auch zu diesen Zeiten Frauen gab, die Prostitution betrieben
haben aus Spaß am Sex, aus Gründen von Freiheit und Selbstverwirklichung,
aus Emanzipation , aus Gründen, sich von familiären Zwängen
und finanziellen Abhängigkeiten zu befreien und Prostitution
als absoluten Höhepunkt ihrer Freiheit gesehen haben. Ich verweise
wieder auf Paula. Eine Anerkennung der Prostitution wäre ein
Glücksfall für z. B. meine Großmutter gewesen, die
ihre Neigungen versteckt ausleben musste.
EMMA
wird auch weiterhin nicht den Ton angeben. Aber sie wird auch künftig
den Blick schärfen für Missstände und die Diskussion
darüber vorantreiben, auch zu Ergebnissen hin, die ihr nicht
gefallen werden.
Thomas
M. Schneider
Die Verwendung und Veröffentlichung dieses Textes, auch auszugsweise,
ist untersagt.
© Thomas M. Schneider / Initiative
Fair Paysex
Zurück zum Seitenanfang