Man hat es häufig genug beteuert, um es verdächtig
zu machen: Mit der Prostitution an sich haben wir alle kein Problem
mehr. Natürlich sind wir gegen Zuhälter, wir verurteilen
jede Form der sexuellen Gewalt und müssen über unsere
Meinung zum Menschenhandel nicht nachdenken. Aber wir sind tolerant.
In einer Zeit, die nichts so sehr fürchtet wie die Furcht vor
dem Sex, ringt sich kaum jemand öffentlich zu einem grundsätzlichen
Problem mit der Prostitution durch.
Heutzutage schreiben Callgirls Bücher über ihren Spaß bei der Arbeit und anderswo, gibt Marcel Feige ein Lexikon zum Thema heraus und redet in Talkshows, porträtiert Felix Ihlefeldt in „Abenteuer Hure“ die atemlos spannenden Doppelleben der heimlichen Hobbyhuren. Dass solche Bücher gelesen werden, ist u. a. ein Indiz für eine größere Unbefangenheit im Umgang mit der Prostitution. Sei es auch eher voyeuristisch motiviert als von dem Wunsch getragen, sich ernsthaft mit allen Facetten der sexuellen Dienstleistung auseinander zu setzen. Immerhin: Man hört sich Insider an und die Outsider schielen neugierig durch die Vorhänge. Von dieser Entwicklung konnte ich unmittelbar profitieren. Ich habe meiner Familie und meinen Freunden „gestanden“, dass ich in einem Puff arbeite. Die Reaktionen darauf waren alle von Respekt geprägt und dem Versuch, das zu verstehen. Ich weiß, welches Glück ich damit hatte. Allein die Tatsache, dass mir ein Coming-Out denkbar erschien und möglich war, ist ein Kompliment an meine Umwelt. Aber: Schon was man „Geständnis“ nennen möchte, verdient Skepsis. Etwas zu gestehen, bedeutet eine gewisse Art der Mitteilung. Leise, geflüstert, gebeichtet. Niedergeschlagene Augen und eine angemessen leidende Miene. Es ist ja nur zu verständlich: die Bilder einmal loswerden müssen von den Männern, die dich in deinen Schlaf verfolgen, die ständige Demütigung einmal anklagen dürfen, eine vertraute Schulter einmal nassheulen... Nur – ich leide nicht. Ich bin nicht ausgeliefert und nicht wehrlos und fühle mich nicht herabgewürdigt. Es geht mir gut im Puff. Diese Tatsache steht so sehr im Gegensatz zu dem, was ich an Vorurteilen, wie sich der Puff auszuwirken habe, mit mir herumschleppte, dass ich selbst lange brauchte, um es zu begreifen: Der Puff ist eher mein Höhenflug als mein Niedergang. Sobald mir dies bewusst war, hätte ich das aufwändig inszenierte Geständnis durch eine Erzählung ablösen können. Dennoch ist mir bis heute kaum gelungen, irgendjemandem gegenüber mich so mitzuteilen, wie es den Nagel auf den Kopf getroffen hätte. Ich will meine Prostitution als eine Verlegenheitslösung darstellen, als eine unreife Jugendsünde und eine latente Belastung. Von diesen Impulsen lenke ich mich üblicherweise ab, indem ich augenblicklich in wortreiche Erklärungen, eloquente Rechtfertigungen und theoretische Diskurse verfalle, anstatt schlicht bei dem zu bleiben, was Tatsache ist. Warum dieser Aufwand? Dieser Überbau, die Verkleidung, die Lüge? Wozu eine Leidensperformance, wenn ich nicht leide? Man könnte sagen, dies sei ein Problem meinerseits und da werde ich schon so meine tiefreichenden Gründe haben, mir meine Arbeit in dieser bestimmten Art zu verkaufen. – Wenn dem so wäre, würde ich vom Puff in der immer gleichen falschen Art erzählen. Aber: Ich erzähle von ihm in immer anderer falscher Art. Wie ich den Puff ausspreche, ist von meinem jeweiligen Gegenüber abhängig. Soziale Arbeit schult die Sensibilität für die Bedürfnisse anderer. Ich traf wenige Menschen nur, die die freudestrahlende Hure verkraftet hätten. Dass von den 400.000 Frauen, die man deutschlandweit für die Prostitution veranschlagt, plötzlich eine Frau leibhaftig dasitzt, ist Schock genug. Aber wenn man mit überhaupt einer Hure fertig wird, dann mit der leidenden. „Ich tue das nur für mein Studium.“, „Was soll ich denn sonst machen? Ich kann ja nichts.“, usw. Kehre ich zu weiblicher Bescheidenheit und Hilflosigkeit zurück, verzeiht man mir meine Eskapaden schon eher. Werden die Mienen schon freundlicher. Haben wir uns nicht alle mal in den Puff verirrt? So gesehen? Na also. Wird schon wieder. Das ist wenigstens ehrlicher, als was man sich zur Zeit so gern an Lockerheit versichert. Wenn es die aktuelle Annäherung nicht der Heuchelei überführt, dann relativiert es sie zumindest. Und es widerlegt, dass wir uns auf dem besten Wege befänden, die Prostitution von ihrem traditionellen Stigma zu befreien und in die Gesellschaft zu integrieren. Annäherung ist die notwendige Vorstufe für eine Integration, aber in Bezug auf die Prostitution bleibt zu fragen, ob wir tatsächlich einer ernsthaften Diskussion des Themas entgegenglühen – oder uns im Gegenteil hüten werden, den käuflichen Sex von seinem erotischen Tabu zu befreien. Denn dass und wie man nach den Gründen sucht, aus denen beispielweise ich im Puff landen konnte, bedeutet ja nicht, dass meine Entscheidung als vollkommen problemlos angesehen wird, sondern ist im Gegenteil der kritische Blick auf ein kritisches Subjekt. Ich habe nichts Grundsätzliches gegen einen sezierenden Blick. Aber diese Kritik, die mir implizit entgegenschlägt und sich gerade in dem größten Verstehenwollen verbirgt, ist prinzipieller Natur, und das macht sie problematisch. Warum werde ich so skeptisch beäugt, wenn sich die politische correctness doch eine betonte Gelassenheit zur emanzipierten, selbständigen Hure vorgenommen hat? Weil die derart geartete Hure ein Hirngespinst bleiben sollte. Man hat einer harmlosen Fiktion die Toleranz versichert. Es ist leicht, eine skurrile Phantasie zu respektieren - aber man klopft sich dafür auf die Schulter, als sei es mutig. Die Reaktionen zeigen: Eine Hure, die nicht leidet und in keiner Hinsicht Schaden nimmt, ist nach wie vor nicht eingeplant. Sie wird nicht für möglich gehalten. Aus drei Gründen. Zum Ersten teilen sich solche Huren, denen es gut geht, nicht genug mit. Zwar versichert jede glückliche Hure innerhalb der Szene, inständig auf den Tag ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz zu warten, aber außerhalb des Puffs behelligt sie niemanden mit ihrer Situation. Auf diese Weise werden die Problemberichte und Hilferufe an sozialen Auffangstationen zu einsamen Bezugsquellen. Man könnte auf die Frage, warum niemand die selbständige Hure kennt, also antworten, es habe ja auch niemand die Möglichkeit, sie kennenzulernen. Das ist, angesichts diverser Veröffentlichungen, nur noch eingeschränkt richtig, führt aber zum zweiten Grund: Der Kopf nimmt durch ein Buch zur Kenntnis, was die Welt an Kuriosem zu bieten hat, und das Gefühl sträubt sich. Sobald die glückliche Hure den Buchzeilen entspringt und sich an einen realen Tisch setzt, wird ihre Erscheinung, die aus der Ferne ja so real wirkte, paradoxerweise unglaublich. Der dritte Grund ist der interessanteste: Man will so eine Hure gar nicht haben. Nicht nur: Man kennt sie nicht. Nicht nur: Man glaubt sie nicht. Auch noch: Man will sie nicht. Weil die glückliche Hure einen bitteren Affront auf unsere Gesellschaft darstellt. Das heißt: Zur Zeit wird die traditionelle Diskriminierung der Hure nicht abgeschafft, sondern nur verlagert. Auf eine echte Integration will die so moderne Annäherung nicht hinauslaufen. Unsere Welt hat ein Problem mit der Prostitution wie eh und je. Sie verbirgt es nur besser. Weiterhin reden die Herren über die Behandlung der Diener, nicht über ihre Befreiung. Im explodierenden Diskurs über die Prostitution wird deren gelingender Entwurf systematisch totgeschwiegen. So wichtig die Behandlung der Zwangsprostitution in den Medien auch ist – ihre ständige und ununterbrochene Präsenz untergräbt nicht zufällig eine differenziertere Darstellung. Das
Problem, das ich der Welt bereite, den Angriff, den sie durch mich
spürt, das ist nicht die Tatsache, dass ich „es“
tue, sondern dass ich „es“ gerne tue. Da hört auch
unser Spaß einmal auf. – Wohingegen man der berühmten
Zwangsprostituierten die Tür vor der Nase nicht zuschlägt.
Wir sind nicht herzlos. Ich tue folglich gut daran, mich als Opfer
zu verkaufen. Weiterhin:
Warum macht die glückliche Hure aggressiv? Warum wird versucht,
sie zu demontieren? Im ersten Schritt ist das die Frage, warum man
sie überhaupt an den Rand drängt. Die
Verwendung und Veröffentlichung dieses Textes, auch auszugsweise,
muss von Paula genehmigt sein. zum Seitenanfang |
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